Wie aus einer Piraten-Idee das Blankenlocher Oktoberfest wurde

Stefan und Vera Just

Bild: Martin Strohal

Von Martin Strohal | 04.10.2026 17:37 | Keine Kommentare

Wer heute im prall gefüllten Festzelt bei Schweinshaxe, Maßbier und ausgelassener Musik feiert, ahnt kaum, unter welchen Umständen der Grundstein für eine der erfolgreichsten Traditionen der Region gelegt wurde. Im Jahr 1985 hoben Stefan und Vera Just mit dem frisch gegründeten Karnevalsclub das Blankenlocher Oktoberfest aus der Taufe. Was einst als mutige Finanzierungsmaßnahme für die vereinseigene Faschingsgarde begann, hat sich über vier Jahrzehnte hinweg zu einem gigantischen Volksfest entwickelt.

Ein Fest zur Finanzierung der Garden

Die Wurzeln des Festes liegen im örtlichen Faschingsverein „Die Piraten“, der 1984 gegründet wurde. „Wir haben damals etwas gesucht, um unsere Garde und deren Kostüme zu finanzieren“, erinnert sich Stefan Just, der damalige Präsident. Um das nötige Startkapital für den jungen Verein aufzutreiben – das Gründungskapital betrug symbolische 48,13 D-Mark –, brauchte es Einnahmen.

Da der Sommer im Ort bereits dicht mit Vereinsfesten belegt war, spürte das Ehepaar Just eine Marktlücke auf: die sogenannte „Nach-Kerwe“ im Frühherbst. Ein Oktoberfest sollte es werden – doch Kleinkunst und ein Mini-Zelt kamen für die Gründer nicht infrage. „Wir wollten einen Aha-Effekt und haben gleich groß gedacht“, erzählt Vera Just rückblickend. Das Risiko war enorm, doch mit „jugendlicher Frische“ und reichlich Tatendrang blendeten sie die Bedenken aus.

Der Auftakt war allerdings nichts für schwache Nerven. Wenige Minuten vor der offiziellen Eröffnung herrschte im Festzelt noch gähnende Leere. Erst als der damalige Bürgermeister Richard Hecht mit einem Fanfarenzug und einer riesigen Menschenmenge im Schlepptau anrückte, füllte es sich schlagartig. „Innerhalb einer halben Stunde war das Zelt voll“, schmunzelt Stefan Just. Der Grundstein war gelegt.

Acker, Matsch und ein Anruf beim Rathaus

In den Anfangsjahren war das Oktoberfest weit entfernt vom heutigen Komfort. Der Festplatz war ein unbefestigter Acker. Wetterkapriolen gehörten zur Tagesordnung: In einem Jahr trocknete der Boden so stark aus, dass man mit Gießkannen gegen die Staubentwicklung ankämpfen musste. Im darauffolgenden Jahr goss es sintflutartig, sodass der Platz im Matsch versank.

„Die Leute sind mit den Stühlen im Schlamm eingesunken“, erinnert sich Vera Just lachend. „Wir mussten mit Spaten und Gummistiefeln Gräben buddeln, damit das Wasser ablaufen konnte.“ In ihrer Not rief sie direkt bei Bauhofleiter und Bürgermeister im Rathaus an, um kurzfristig eine Ladung Schotter zur Rettung des Festes zu organisieren. Erst später folgte die Wende: In Kooperation mit der Gemeinde pflasterten die Vereinsmitglieder in akribischer Eigenleistung rund 800 Quadratmeter des Festplatzes auf dem heute das Hallenbad steht. Generell sei die Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung hervorragend, heben Justs hervor.

Auch technisch gab es in den 80er-Jahren Herausforderungen: Mangels Spülmobil und Heißwasseranschluss musste Spülwasser mühsam aufgekocht werden. Plastikbesteck erwies sich bei heißem Fleisch oft als untauglich – regelmäßig brachen Gabelzinken ab, weshalb erfahrene Festbesucher bald mit dem eigenen Taschenmesser im Lederhosenzeug anreisten.

Stromausfall und Kerzenlicht-Gänsehaut

Unvergessen bleibt den Gründern auch ein technischer Fauxpas bei einer der späteren Auflagen: Mitten im Auftritt der Band „Die Tiefenthaler“ fiel im gesamten Zelt der Strom aus. Was zum Chaos hätte führen können, verwandelte sich in einen magischen Moment. Da die Blaskapelle rein akustisch und unverstärkt weiterspielen konnte, stimmte das Publikum spontan mit ein. „Handys mit Taschenlampen gab es damals noch nicht, also haben die Leute ihre Feuerzeuge gezückt. Das war reine Gänsehaut“, erinnert sich das Ehepaar.

Rekorde, Haxen und ehrenamtlicher Zusammenhalt

Aus den ursprünglichen zwei Festtagen ist längst ein viertägiges Großevent geworden, das logistisch enorme Maße annimmt. Das Helfernetzwerk ist riesig: Über 600 Schichten müssen während der Festtage besetzt werden. Längst packen nicht mehr nur die eigenen Vereinsmitglieder mit an, sondern auch befreundete Vereine wie die Handballer oder der Musikverein helfen im Gegenzug aus.

Auch kulinarisch wurden Maßstäbe gesetzt. Ein historischer Rekord ist erst wenige Jahre alt, als an fünf Festtagen eine Tonne Pommes frites und 2.222 Schweinshaxen über die Theke gingen. Für Notfälle wie späten Hunger erfand das Team kurzerhand den „Haxenweck“.

Eine Erfolgsgeschichte mit Herz

Über die Jahre hat sich das Blankenlocher Oktoberfest – das drittälteste in Deutschland – zu einer festen Institution entwickelt, die weit über die Stadtgrenzen hinaus strahlt. Die Mischung aus bairischer Gemütlichkeit, regionalem Zusammenhalt und hochkarätigen Live-Bands zieht Tausende Besucher an.

Für Stefan und Vera Just, die auch heute noch unermüdlich auf dem Festplatz mit anpacken – er bevorzugt am Haxengrill –, ist das Fest Herzenssache geblieben. „Es ist wie eine große Familie“, resümiert das Gründerpaar. Der Mut, vor über 40 Jahren etwas Neues zu wagen, hat sich definitiv ausbezahlt.

Bildquellen:

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