„Jede Veränderung hat ihre Chancen, Neues zu machen und neu zu gestalten.“

Petra Becker

Bild: Martin Strohal

Von Martin Strohal | 28.09.2026 12:53 | Keine Kommentare

Gespräch mit der scheidenden Oberbürgermeisterin Petra Becker

Die letzten Meter im Amt liegen vor Petra Becker. Bis zum allerletzten Tag ihrer achtjährigen Amtszeit, dem 30. September, sitzt die Oberbürgermeisterin von Stutensee im Rathaus. „Meine Amtszeit geht bis dahin, und das ist dann auch richtig“, betont Becker. Nach acht Jahren an der Spitze der Großen Kreisstadt blickt die Juristin auf eine von tiefgreifenden Umbrüchen und unerwarteten Krisen geprägte Ära zurück.

Von der Beraterin zur Gestalterin

Als Petra Becker vor acht Jahren das Amt der Oberbürgermeisterin in Stutensee antrat, war das Rathaus für sie kein Neuland. Zuvor war sie in Karlsruhe als Stadtsyndika tätig gewesen und hat in dieser Rolle die Verwaltungsspitze beraten. Doch der Wechsel an die Spitze einer Kommune brachte eine völlig neue Dynamik mit sich. „Ich berate nicht nur, sondern ich kann mitgestalten“, beschreibt Becker das zentrale Motiv ihres damaligen Wechsels.

Die Bilanz ihrer achtjährigen Amtszeit zeigt ein breites Spektrum an kommunalen Meilensteinen, deren Tragweite oft erst auf den zweiten Blick deutlich wird. Allen voran stehe als Highlight der Grundsatzbeschluss zur Zukunftsfähigkeit der örtlichen Wasserversorgung samt Neubau des Wasserwerks und Baubeginn. Ein Projekt, das sich im Laufe der Jahre stark gewandelt hat: „Im ‚Doing‘ entdeckt man Neues, wo es fatal wäre, wenn man es nicht mitmachen würde“, resümiert Becker. Sie räumt ein, dass manche Dinge in der Verwaltung „doch so lange gehen“. Sie habe sich im Laufe der Zeit daran gewöhnen müssen.

Neben der Wasserversorgung fallen wichtige Weichenstellungen in ihre Amtszeit: Die Fortschreibung des Stadtentwicklungsplans bis 2035, der „lang ersehnte“ Feuerwehrbedarfsplan inklusive des Beschlusses für eine neue Wache in der Mitte für Friedrichstal und Staffort sowie die bauliche und konzeptionelle Weiterentwicklung des Schulzentrums. Auch beim Ausbau der Kinderbetreuung verweist Becker auf sichtbare Erfolge. Trotz anhaltender Herausforderungen habe Stutensee das Angebot an Wald- und Naturkindergärten deutlich erweitert und die Versorgungsquote ausgebaut.

Jahre des Krisenmanagements

Überlagert wurde die alltägliche Verwaltungsarbeit jedoch von einer Abfolge globaler Ausnahmezustände. Ob die Corona-Pandemie, der Ukraine-Krieg, die Energiekrise oder die Unterbringung von Geflüchteten – das Rathaus musste mehrfach vom Regel- in den Krisenmodus schalten.

Besonders die Corona-Pandemie brannte sich ins Gedächtnis der Rathauschefin ein. „Nächtlich haben wir neue Vorgaben bekommen“, erinnert sich Becker an die schlaflosen Stunden und den enormen Druck auf ihr Team, Anordnungen bis zum nächsten Morgen praxistauglich auf die Beine zu stellen. „Das war eine Ausnahmesituation.“

Die scheidende Oberbürgermeisterin schreibt es auch der Zivilgesellschaft zu, dass Stutensee solche Belastungsproben meisterte. Gerade in der Flüchtlingshilfe habe die Stadt auf ein starkes, über Jahre gewachsenes ehrenamtliches Netz zurückgreifen können. „Da konnte man tatsächlich auf eine eingespielte Bürgerschaft und gute Erfahrung zurückgreifen.“

Ein anspruchsvolles politisches Klima

Das politische Tagesgeschäft im Gemeinderat empfand Becker als intensiv und bisweilen kräftezehrend. In ihrer Amtszeit arbeitete sie mit drei unterschiedlichen Ratskonstellationen zusammen. Wachsender finanzieller Druck und die Verteilung knapper werdender finanzieller Mittel führten dabei nicht selten zu schärferen Tönen.

Auch die gesellschaftliche Tonlage, mit der Amtsträgern begegnet wird, sieht Becker kritisch. Auf die Frage nach unsachlicher Kritik und Anfeindungen reflektiert sie spürbar nachdenklich: „Was heutzutage anerkanntermaßen von Menschen, die Verantwortung tragen, klaglos hinzunehmen sein soll – das halte ich nicht für richtig.“ Die Frage nach dem gegenseitigen Respekt bleibe eine der ungelösten Aufgaben unserer Zeit.

Blick nach vorne: Unabhängigkeit und neue Pläne

Trotz der Härten des Amtes geht Petra Becker ohne Groll. Dass sie sich gegen eine erneute Kandidatur entschieden hat, sei das Ergebnis eines reiflich überlegten, persönlichen Prozesses gewesen. Ein Wendepunkt war eine dreiwöchige Radtour allein von Füssen an den Gardasee. Dort habe sie erstmals seit Jahren Zeit gefunden, in sich hineinzuhören: „Da kam der Punkt, dass ich sage: Acht Jahre sind eine gute Zeit. Ich möchte gerne noch einmal etwas anderes machen.“

Sie betont, dass sie nicht die Lust am Amt verloren habe und auch Kritik an ihrer Amtsführung nicht der Grund für das Aufhören sei.

Untätig bleiben wird die Vollblutjuristin auch im Ruhestand keineswegs. Zusammen mit einer ehemaligen Kollegin plant sie den Schritt in die Selbstständigkeit im Bereich der kommunalrechtlichen und organisatorischen Beratung. Zudem bleibt sie der Region treu: Über ihr Mandat im Kreistag wird sie die Kommunalpolitik im Landkreis Karlsruhe weiterhin mitgestalten.

Wenn Petra Becker in den kommenden Tagen ihr Amt an Frank Burkard übergibt, hinterlässt sie eine Stadt mit neu gesteckten Zielen und gefestigten Strukturen, so ihre Einschätzung. Angst vor dem Schritt ins Private hat sie nicht: „Jede Veränderung hat ihre Chancen, Neues zu machen und neu zu gestalten. Ich freue mich auf alles, was kommt.“

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