Vor nicht allzu langer Zeit war das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat aufgrund seiner anstehenden Zulassungsverlängerung in aller Munde. Die Europäische Union hat den Einsatz des Mittels um weitere fünf Jahre genehmigt. Da es Gutachten gibt, die das Mittel als krebserregend einstufen, wurde in einigen Städten und Gemeinden – auch im Landkreis Karlsruhe – der Einsatz untersagt. Allerdings gibt es auch andere Gutachten.
Die Stadtverwaltung sieht keine Möglichkeit, den Einsatz von chemisch-synthetischen Pestiziden auf den von ihr verpachteten landwirtschaftlichen Flächen komplett zu untersagen, da es sich um zugelassene Mittel handelt. Dennoch wolle die Stadt angesichts des Insektensterbens ein Zeichen setzen, so Erste Bürgermeisterin Sylvia Tröger. Zum einen solle der städtische Bauhof komplett auf den Einsatz dieser Mittel verzichten – was er bereits seit einigen Jahren tue. In die Pachtverträge mit den Landwirten soll eine freiwillige Selbstverpflichtung aufgenommen werden bezüglich des Einsatzes chemisch-synthentischer Pestizide und Glyphosat.
Im Prinzip waren sich alle Fraktionen des Gemeinderats einig: Pestizide und am besten auch Insektizide sollten verboten werden. Dennoch stellte die CDU/FDP-Fraktion den Antrag, auf die freiwillige Selbstverpflichtung der Landwirte vorerst zu verzichten. Es gebe seit kurzem einen runden Tisch mit den Landwirten, bei dem man dieses Thema zuerst ansprechen solle, bevor man einen solchen Beschluss fasse, ohne die Landwirte vorher zu informieren.
„Die Stutenseer Vollerwerbslandwirte werden erhebliche Schwierigkeiten bei einem Verzicht auf Pestizide bekommen“, prognostizierte Klaus Mayer (Freie Wähler) in der gestrigen Gemeinderatssitzung. Aber es bestehe der Verdacht, dass Glyphosat krebserregend sei. Das sei zwar nicht sicher geklärt, aber man sollte in diesem Fall besser vorsichtig sein. Er begrüße es, dass der Bauhof schon längere Zeit auf dieses Mittel verzichte.
„Die Artenvielfalt hat stark abgenommen“, stellte Wolfgang Sickinger (SPD) fest. „Wir müssen ein deutliches Zeichen setzen und als Vorbild dienen.“ Man müsse den moralischen Druck zugunsten unserer Umwelt erhöhen.
Auch Ludwig Streib (Grüne) stellte nicht den Krebsaspekt in den Mittelpunkt, sondern das extreme Insektensterben. Deshalb plädierte auch er dafür, ein Zeichen zu setzen.
Nicole LaCroix (CDU) erläuterte den Antrag ihrer Fraktion. Man könne den Landwirten ein Verbot nicht vorschreiben, und eine freiwillige Selbstverpflichtung sei gar nichts. Im Gespräch mit den Landwirten könne man ihrer Meinung nach mehr erreichen. Alle im Gemeinderat hätten die gleiche Absicht, aber der Zeitpunkt sei aktuell nicht der richtige. Thomas Hornung (CDU) ergänzte, dass er im Falle einer Blockade durch die Landwirte sogar dafür sei, Flächen nur noch an Biobauern oder überhaupt nicht mehr zu verpachten. Aber zuerst sei das Gespräch wichtig. Dabei hob er hervor, dass die Deutsche Bahn und die AVG auf ihren Gleistrassen Gyphosat ausbringen, obwohl sich darunter Schotter befindet und keine Möglichkeit für einen Abbau des Gifts, so dass es – im Wasserschutzgebiet – im Grundwasser lande.
Die Bahn bestätigte das auf Anfrage von meinstutensee.de. „Es werden ausnahmslos Herbizidprodukte wie u.a. Glyphosat angewendet, die vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) speziell für den Gleisbereich zugelassen sind“, so ein Bahnsprecher. 80 Tonnen seien das bundesweit jährlich. „Dabei werden der Randweg und die Schotterflanke durchgehend mit Bodenherbiziden behandelt. Das Blattherbizid wird nur auf bestehende Unkrautbestände gespritzt. Ausgelassen werden Bereiche in Schutzgebieten, über offenen Gewässern, Durchlässen, Brücken, und bei geplantem Gleisumbau (Schutz der Mitarbeiter). In der aktuellen Anwendung befinden sich die Wirkstoffe Glyphosat, Flumioxazin und Flazasulfuron.“
Der Stutenseer Landwirt Hans-Peter Jenisch erklärte vergangenen Dezember auf Anfrage von meinstutensee.de, dass in Blankenloch bis zur Abfahrt Staffort kein Glyphosat eingesetzt werde. „Ein Glyphosat-Verbot würde uns also wahrscheinlich nichts ausmachen.“ Ebenso versicherte Landwirt Thomas Meier aus Staffort, dass er 2017 kein Glyphosat im Einsatz gehabt habe.
Der Gemeinderat lehnte den Antrag der CDU/FDP-Fraktion mehrheitlich ab, über die freiwillige Selbstverpflichtung später zu entscheiden. Dem Beschlussvorschlag der Stadtverwaltung folgte der Gemeinderat dann mehrheitlich unter Enthaltung des Stadtrats und Landwirts Dörflinger.
Auf Anfrage von meinstutensee.de reagierte Landwirt Hans-Peter Jenisch empört über den Beschluss: „Nur einer entscheidet, was eingesetzt werden muss: Und diese Entscheidung liegt ausschließlich beim Betriebsleiter.“ Dieser müsse die Ware vermarkten, nicht der Gemeinderat. Befallener Weizen, den er nicht behandeln dürfe, werde nicht von der Mühle angenommen und sei Sondermüll. Für die Entsorgungskosten von über 200 Tonnen, werde sicher nicht der Gemeinderat aufkommen. Die Stutenseer Landwirte hätten einen Sachkundenachweis und entsprechend ausgebildet.
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