Ein Gastkommentar von Jan Josupeit
Wer als Außenstehende/-r auf Stutensee blickt, könnte meinen, die Große Kreisstadt befände sich gerade in einem wahren Bauboom. Insbesondere in den beiden südlichen Teilorten Blankenloch und Büchig. Manch unbedarftem Gemüte läge möglicherweise der Begriff Bauwut näher. Da kam doch heute am Morgen die Nachricht in den Badischen Neuesten, ein „unansehnliches“ Stück „brachen“ Landes sei endlich an einen Investor veräußert worden, der dort schmucke Einfamilienhäuschen bauen wolle (meinstutensee.de berichtete). Direkt an der Fern- und Güterbahnmagistrale. Ja, es gibt verzweifelte Seelen, die bereit sind dort zu wohnen. Oh, frohlocket Ihr Gläubigen, es werde Wohnraum geschaffen. Von Verdichtung ist die Rede… Moment… Einfamilienhäuschen und Verdichtung?!
Aber das sei alles dahingestellt, daran soll gar nicht gezweifelt werden. Bauland muss her! Das weiß doch jedes Kind… Vielmehr ist es dem Autoren traurig zumute, des armen Brachlandes wegen. In fernen Kindertagen, was war es da nicht für ein Erlebnis: auf dem Heimweg von der Schule zahlen- und textvergessen durch die Gegend schlendern, das Auge stets an der einen Hummel oder dem anderen verlassenen Gärtlein hängenbleibend. Die Brache, sie war damals das höchste aller Gefühle, gleich einem Memento Mori lockte sie mit dem Angebot der Ewigkeit. Siehe Menschlein, Du bist vergänglich. Das umfassendere Leben, die Natur, holt sich all dein Werk zurück. Auch ungeachtet des Klimawandels, oder… vielmehr gerade seiner angesichts?
Ist es die Angst vor den unkontrollierbar wuchernden, ja aufmüpfigen Pflanzenwesen? Im Sinne eines „mache dir die Welt unterthan“? Oder etwa die Wut auf die scheinbare Unproduktivität der Brachen? Die machen sich über Jahrzehnte einen schönen Lenz und lungern nur rum, während Mami und Papi hart arbeiten für Haus, Hof und Hund… Moment, für die Kinder natürlich, oder doch das Auto?! Vergessen sind die müßigen Freuden, die einem die Brache hier und dort bereitete. Es muss geordnet, genutzt und baulich er-, nein geschlossen werden. Dem Auge indes, dem bleiben eines Tages nur noch glatte, hybride Wände – um Himmels Willen, bitte keinen Rauputz!!! – zum Sehen, nichts sanft Ausfransendes, an dem es würde hängenbleiben können.
Baut nur, baut seid eifrig! Ach, der Brachen ist’s genug! Was wiegt schon ein Kindheitstraum gegen den realen und manifesten Sachzwang? Würde er doch ein Umdenken benötigen, und das nicht nur im Planerischen Sinne. Nein, LEBEN können wir sicherlich nicht von Träumen. Aber ein Leben ohne Träume und Visionen, das mag vielleicht dem Einen oder der Anderen dann doch etwas schnöde und grau erscheinen. Ich meine auch schon manch Alte gesehen zu haben, wie sie an einer Brache standen und – mit einer kleinen Träne im Knopfloch – einer Hummel nachgeschaut haben.
Bildquellen:
- Brache Bahnhofstraße Blankenloch: Philipp Franz
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